#Ersthelfer#FirstAid

Vier Fragen an den Theatermacher Nuran David Çalış über die Flüchtlingskrise 2015 und jene Menschen, die damals geholfen haben

1. Sein Heimatland zu verlassen und sich auf die Flucht zu begeben kann unterschiedlichste Gründe haben. Menschen aus verschiedenen Ländern begeben sich auf unterschiedliche Routen. Gibt es dennoch Parallelen zwischen den Schicksalen? Weshalb finden sich so viele Menschen zusammen, um diesen Weg gemeinsam zu bestreiten?


Nuran David Çalış: Was ich immer wieder in den Erzählungen geflohener Menschen höre ist, was sie für ein Bild von Europa haben: ein Ort, der einer Utopie gleicht. In all ihren Geschichten erzählen sie von einem Ort, an dem Menschenrechte geachtet werden, es unabhängige Gerichte, freie Medien gibt; wo Polizisten primär helfen und vor allem schützen wollen und nicht foltern, oder gar gleich töten; wo Kinder zur Schule gehen können, Frauen und Männer gleichberechtigt sind. Ein Ort, an dem es eine freie und offene Gesellschaftsordnung gibt. All dies sind Dinge, die wir „alteingesessenen“ Europäer gar nicht mehr zu schätzen wissen. Aber durch die Erzählungen dieser Menschen können sie uns wieder bewusst werden. Wenn wir ihnen zuhören. Dadurch könnten wir auch versuchen, stärker an unserem Zusammenhalt zu arbeiten, an unserer Solidarität. Uns könnte bewusster werden, was für einen wundervollen Ort wir hier in Europa geschaffen haben. All das könnte uns bewusst werden.


2. Für das Stück „#Ersthelfer #FirstAid“ am Salzburger Landestheater setzen Sie sich intensiv mit der Thematik der „Flüchtlingskrise“ 2015 auseinander. Ihren Fokus legen Sie dabei, wie der Titel bereits verrät, auf die Ersthelfer in Salzburg. Welche Situation / Geschichte hat Sie während Ihrer Recherche am meisten berührt?

Nuran David Çalış: Wir wollen die Narrative über die Ereignisse von 2015 neu erzählen. Als wir mit der Themenrecherche in Salzburg begonnen haben, haben viele Gespräche stattgefunden, eines davon mit dem ehemaligen Salzburger Bürgermeister Heinz Schaden. Ich wollte zunächst wissen, was sein persönlicher Beitrag war, um diese Tragödie – die im September 2015 über uns und die Balkanroute hereinbrach – zu lindern. Mich berührte seine Geschichte sehr: Er ließ in einer schnellen Aktion die Tiefgarage des Salzburger Bahnhofs räumen und Feldbetten aufschlagen, damit die Schutzbedürftigen Schutz bekamen. Das hätte ich nicht erwartet von einem Politiker in seinem Amt. Ich kenne die Ausreden von Politikern, die sich hinter ihren Dienstanweisungen verschanzen. Aber die Persönlichkeit von Heinz Schaden ist anders. Und die Menschen, die hier vor Ort geholfen haben, sind anders. Sie haben sich nicht hinter Anweisungen versteckt.


3. Der Großbrand in Moria hat eine Welle der Solidarität unter den Menschen angefacht, dennoch werden verschiedenste Diskussionen geführt zu Hilfsmitteln, Aufnahme etc.
Glauben Sie, dass sich die Debatte um die „Flüchtlingskrise“ inzwischen weiterentwickelt hat, oder treten Entscheidungsträger immer noch auf derselben Stelle?

Nuran David Çalış: Ganz im Gegenteil. Es gab einen Rückschritt, der sich durch die Coronakrise noch einmal enorm verschärft hat. Uns, als Europa, ist es gelungen innerhalb von 14 Tagen allein in Deutschland über 200.000 deutsche Staatsbürger sicher aus der ganzen Welt zurück nach Deutschland zu bringen. Und uns als gesamter europäischer Gemeinschaft gelingt es nicht 19.000 Flüchtlinge aus Lesbos zu holen. Wenn wir diese Flüchtlinge holen würden, müsste zum Beispiel eine Stadt wie Leipzig (über den Verteilungsschlüssel, der vorliegt) nur drei Menschen aufnehmen. Drei Menschen müsste eine Stadt mit 300.000 Einwohnern versuchen zu bewältigen! Aber das betrachten wir nicht genauer. Stattdessen halten wir an dem Narrativ fest, dass wir so etwas nicht bewältigen können. Doch das können wir.


4. Wie helfen Sie als Theatermacher bzw. wie hilft Theater?

Nuran David Çalış: Wir wollen in erster Linie eine Öffentlichkeit schaffen. Und wir wollen mit diesem Projekt nach Lesbos fahren. Zudem sind internationale und nationale Gastspiele geplant, die ich Interventionen nenne. Mit einigen Theatern und Festivals stehen wir bereits in Kontakt. Theater hat die Möglichkeit, Dinge sichtbar zu machen. Aber auf eine konzentrierte, sinnliche Art...